Ich bin dann mal weg…

Mit heruntergezogenen Mundwinkeln und großen Krokodilstränen in den Augen winkt mir meine dreijährige Mathilda hinter der Glasscheibe zu. Ihre kleine und auch ihre große Schwester machen ebenfalls eine Trauermiene. „Ich hoffe, Sie haben noch ordentlich Durst!“ reißt es meinen Blick weg von meinen Kindern hin zum Flughafen-Security-Mann, der meine volle Trinkflasche hochhält. Ich fliege das erste Mal seit ich Kinder habe ohne sie, deshalb kann ich mich nicht mit: „Für die Kleinen.“ rausreden. Und so leere ich den Liter Wasser zur Zufriedenheit des Securitymannes. Ein letzter Blick Richtung Glasscheibe. Mein Mann ermuntert die Kinder noch einmal zu winken. Sie heben tapfer ihre kleinen Händchen. Ich werfe noch vier Luftküsschen und gehe, ebenfalls tapfer die Tränen unterdrückend, durch die Sicherheitskontrolle. Sechs Tage radeln durch die Provence liegen vor mir. Der erste Urlaub ohne meine Kinder! Die Kinder waren anfänglich nicht sehr begeistert von meinen Single-Reiseplänen. Sie wollten natürlich mitkommen. Als ich ihnen erklärte, dass ich auch einmal etwas ohne sie und nur für mich, Anne, machen möchte, wurde die Stimmung nicht besser. Mit der Aussicht auf Mitbringsel schon.

Kaum habe ich das Flugzeug betreten, bin ich weit weg von unserem Familienleben und denke an die vielen Dinge, die ich in den nächsten Tagen erleben werde. Ein wenig erstaunt es mich, dass ich sofort abschalten und alle Gedanken um die Kinder in Berlin lassen kann. Ich reise gemeinsam mit meiner Mama. Sie ist die ideale Reisebegleitung: unkompliziert, offen und unternehmungslustig. Außerdem darf ich jetzt mal das Kind sein und nörgelnd fragen: „Wann sind wir endlich da?“ Am Abend des ersten Tages wird mir gleich wieder ein wesentlicher Unterschied zum Reisen ohne die Kinder deutlich: Das Tempo! Flugzeug von Berlin nach Marseille, mit dem Zug weiter nach Aix-en-Provence, Fahrräder ausleihen, Hostel suchen, durch die Gassen radeln, essen gehen, Pläne zum Weiterfahren schmieden, französisch üben. Alles an nur einem halben Tag.

Am nächsten Morgen starten wir mit den Rädern Richtung Naturpark Luberon nördlich von Aix-en-Provence. Wir radeln den ganzen Tag so weit uns unsere Beine tragen. Vorbei an Pinien und Weinplantagen, mit der Sonne als ständigem Begleiter und leichtem Rückenwind. Pausen machen wir in hübschen kleinen Dörfern oder einfach mitten auf bunten Wiesen und knabbern Paprika mit Avocado. Der letzte Ort, den wir am Abend erreichen, wird unser Zuhause für die Nacht. Die Reise wird genauso, wie ich sie mir gewünscht hatte. Kaffee und Croissant auf dem Dorfplatz, französisch hören (und der Versuch, mit dem alten Abiturfranzösisch selber zu sprechen), schmale Gassen, alte Kirchen und Rathäuser, blauer Himmel. Was aber noch viel schöner ist, als ich es mir vorher ausgemalt hatte: die Ruhe. Ruhe, um die Natur zu beobachten, die Gedanken einfach ziehen zu lassen, ausgiebige Unterhaltungen zu führen und Essen zu genießen. Alles ohne Unterbrechungen. Zudem kann ich während dieser Zeit mal jemand anderes sein. Nicht nur vorrangig Mama, sondern auch eine Anne, die es mag, lange zu plaudern, sich mit dem Fahrrad kleine Hügel hinaufzukämpfen und fremde Orte zu entdecken.

Am fünften Tag unserer Reise sind wir in Grambois, einem kleinen Ort, der oben auf einem Berg liegt. Das erste Telefonat via Skype mit zu Hause. Eine Katastrophe. Die kleine Elsa versteht nicht, dass sie mich durch das Telefon nicht anfassen kann, Mathilda berichtet ohne Pause von ihren Erlebnissen der letzten Tage und meine Große hat Fieber. Für einen kurzen Moment setzt der Mamamodus ein: Multitasking-Zuhören, Tränen trösten und Ferndiagnostik. Als die Verbindung schlecht wird und abbricht, bin ich irgendwie erleichtert, diesen Abend in Berlin jetzt nicht stemmen zu müssen. Da muss der Papa nun mal allein durch (und ich weiß, dass er es wunderbar meistern wird).

Als wir am letzten Tag unserer Reise die Räder wieder abgeben, überkommt mich Wehmut. Ich könnte noch viele Kilometer weiter strampeln und neue französische Sätze ausprobieren. Der Kopf ist frei. Ich habe wirklich kaum an meine Familie gedacht, was ich zunächst erschreckend fand und mir ein wenig einreden musste, dass das etwas Gutes ist. Letztendlich fühlte es sich aber sehr befreiend an. Am Flughafen Düsseldorf, wo wir umsteigen müssen, kommt dann doch Vorfreude auf. Ich genieße die letzte ruhige Stunde und lese in einer Reisezeitschrift von neuen, aufregenden Reisezielen. Und tatsächlich passiert es uns beiden Frauen, ganz ohne Kinder und nur mit Handgepäck reisend, dass wir am falschen Gate sitzen und unseren Flug verpassen. Ein Gutes hat es aber: ich kann die Zeitschrift KOMPLETT durchlesen plus Nickerchen und Nudeln im ICE-Bordrestaurant und so die Allein-Zeit noch etwas verlängern.

Der Zug fährt am späten Abend im Gesundbrunnen ein, die Tür geht auf, vor mir drei strahlende Kinder (samt strahlenden Papa), Luftballons und Blumen. „Mamaaaaaaa!! Wir haben dich sooooo vermisst, schau doch mal der schöne Luftballon, der ist für dich, wir haben schon gaaaaanz lange auf den Zug gewartet, was hast du uns mitgebracht, schau mal, wir haben schon Schlafanzüge an…“
Ich bin zu Hause!
Eure Anne